Montag, 4. Januar 2016

"Vergesst nicht euch zu erinnern"

Auch wenn der Titel des Blogposts es vielleicht andeuten könnte - nein, hier gibt's keinen Jahresrückblick, und auch keine Vorsätze für 2016 (wie auf so vielen anderen Blogs)! Ich hab zwar Wünsche, Träume, Pläne und Ziele (so wie wahrscheinliche jede und jeder von uns), aber die behalt ich für mich.

Ich möchte hier ein ganz anderes Thema anschneiden, das mir sehr am Herzen liegt: sich zu erinnern, an früher, an Zeiten, die wir (d.h. alle 20+, 30+, ja eigentlich alle unter 75 Jahren) gar nicht miterlebt haben.
Angefangen hat alles damit, dass meine Großmutter (meine anderen Großeltern leben nicht mehr) immer wieder davon erzählte, wie's war, "als die Russen da waren". Nein, sie erzählte nicht, sie ließ eher immer wieder mal Kommentare fallen. Und ich begriff nicht sonderlich viel.

Und so plante ich, meine "Oma" zu interviewen. Ich wollte wissen, wie's denn damals so "war", während dem Krieg und der Nachkriegszeit.
Vom Krieg selbst hat sie nicht so wirklich erzählt, da war sie vermutlich auch etwas zu jung, bzw. hat nicht so viel mitbekommen. Ihr Leben war geprägt von viel Arbeit. Die Mutter starb früh, meine Oma musste sich also als Älteste um ihre (Halb-)Geschwister kümmern und viel arbeiten. Viel hatten sie damals nicht, das Leben war ganz einfach. Und wenn ich "ganz einfach" schreibe, mein ich es so - kein Strom, kein Warmwasser. Kann sich das heute von uns noch jemand vorstellen?! Wohl kaum. Klingt recht romantisch für ein Wochenende in den Bergen oder so, im Arbeitsalltag schaut die Sache aber wieder ganz anders aus.

Als dann "die Russen kamen", also die russische Besatzung, musste sich meine Oma mit gut 14, 15 Jahren verstecken - sie wäre sonst vermutlich vergewaltigt worden.
Einige Tage lang musste sie in der Zwischendecke im Heustadl (= Scheune) verbringen, mit anderen Mädchen. Liegend, ohne viel Essen und Trinken, ohne der Möglichkeit auf die Toilette zu gehen...

Dies war Gott sei Dank nur in den ersten Wochen der Fall, dann kamen die Oberoffiziere, und die Lage besserte sich etwas. Zuvor wurden aber noch alle (wenigen) Wertgegenstände und Erinnerungsstücke auf primitivste und abscheulichste Art zerstört.

Ende der 40er Jahre war die Zeit wiederum von viel Arbeit geprägt, auf diversen Bauernhöfen als Art "Magd", bis meine Oma ihren Mann, meinen Opa, kennenlernte. Gemeinsam hatten sie am Anfang rein gar nichts, mussten sich über die Jahre und Jahrzehnte alles mühsam zusammensparen, um sich - für uns so normale und allgegenwärtige - Dinge wie ein Telefon, eine Küchenmaschine oder gar ein Auto leisten zu können.

Alle diese Erzählungen (es waren noch ein paar mehr) berührten mich sehr. Ich habe sie aufgenommen, und will sie abtippen, aufheben für mich und meine Familie und Nachfahren. Ich möchte, dass wir uns daran erinnern, wie's früher war, wie wenig die Leute hatten, und wie schrecklich der Krieg/die Nachkriegszeit war.

Deswegen find ichs auch schade, dass meine anderen Großeltern nicht mehr leben. Und genauso wichtig find ich es, mit anderen alten Menschen (Bekannten, weitere Verwandte) darüber zu sprechen (wenn sie es möchten). Vielleicht möchte jemand von euch auch mit den Großeltern darüber reden, oder ihr habt das bereits gemacht... Es ist so wichtig das was geschehen ist, nicht zu vergessen.