Sonntag, 25. Oktober 2015

Das Wort zum Sonntag: Darf ich zweifeln?

Sonntag. Ich mache mich auf zum Gottesdienst.
Ich geh nicht regelmäßig, bin keine die darauf pocht, dass man gehen muss.
Ich gehe manchmal, weil ich gerne gehen möchte, weil es mir ein Anliegen ist; manchmal, weil es Gewohnheit ist; manchmal sogar nur, weil mich das schlechte Gewissen drückt.

Heute sitze ich in der Kirche, und es schwappt nicht so ganz über. Dieses Gefühl, hier richtig zu sein. Wie sehr bin ich Christin, mit Herz und Seele? Wie sehr bin ich wirklich hier? Wäre es nicht richtiger, mal ein paar Wochen wieder zu pausieren, um auch wirklich mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein? Um auch wirklich dieses "besondere" Gefühl zu haben, Gott ist hier in unserer Mitte, ich kann ihn spüren?

Das fällt mir manchmal sehr schwer. Ich zweifle, fühle mich etwas unwohl in diesem Gottesdienstablauf, überlege, ob das hier wirklich für mich "Gemeinschaft" ist, in den kalten Kirchenbänken, trotz des kleinen Ortes viele Leute die ich auch nicht (so gut) kenne?

Darf ich überhaupt zweifeln? Darf ich überhaupt solche Gedanken auch denken und aufschreiben? Ich, als angehende Religionslehrerin, die von der Kirche dann eingesetzt wird, und doch eigentlich "ganz" hinter ihr stehen sollte?
Wie sehr ist "ganz"? Wie sehr darf ich noch Mensch sein, mit meinen eigenen Sorgen, Überlegungen und Zweifeln?


Mir geht es nicht darum, hier zu stehen und alles zu bejahen, was von der Kirche kommt (Bei Gott, das tue ich bei weitem nicht!). Mein Glaubensweg ist eine Suche nach Gott, ein Gespräch mit Gott, das sich entwickelt, mal mit Unterbrechungen, mal mit Pausen und Funkstörungen. Und doch kommen wir immer wieder ins Gespräch. Ich möchte nicht behaupten dass meine "Verbindung nach oben" die beste ist. Aber dennoch ist da so eine wahnsinnige Sehnsucht da. Es gibt da eine Geschichte, die ich euch nicht vorenthalten möchte, denn sie drückt sehr gut einen Aspekt aus, um den es mir so sehr geht:



Eine Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der zu einem geistlichen Lehrer kommt und bittet, sein Schüler werden zu dürfen. Der geistliche Lehrer fragt ihn: „Liebst du Gott?“ Der Schüler zögert und sagt schließlich: „Nein, ich glaube nicht, dass ich sagen kann, ich liebe Gott!“

„Hast du Sehnsucht danach, Gott zu lieben?“ fragt der Meister weiter. Beschämt senkt der junge Mann den Kopf und sagt: „Ich weiß nicht einmal sicher, ob ich die Sehnsucht habe, ihn zu lieben!“

„Aber hast du Sehnsucht danach, Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?“ Da hellt sich das Gesicht des Suchenden auf und er sagt freudig: „Genau das ist es was ich spüre: die Sehnsucht danach, Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben!“ „Das genügt“, antwortet der Meister. „Komm, sei mein Schüler!“

Ich glaube, diese Sehnsucht verspüre ich.


Meine Antwort also auf meine obige Frage:
Ich darf.
Gott nimmt mich ohnehin wie ich bin, und er kommt ja gern immer wieder ins Gespräch.


PS: Woran ich aber nie zweifle, sind die Predigten unseres Pfarrers. Er findet einfach immer die richtigen Worte, und hat so einen gesunden Menschenverstand, dass es, auf gut Österreichisch, "eine richtige Freud' is"! So muss Kirche!

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